Die Malerei der Tiere
Foto-, Bild- und Textarbeit
2019

Ich habe mich bei dieser Versuchsreihe auf domestizierte Tiere konzentriert, mit denen bisher noch nie gemalt wurde: Kühe, Pferde, Lamas, Rentiere und Ziegen. Ich habe jeweils mehrere Wochen mit den Tieren verbracht, bis wir zu den Ergebnissen gekommen sind, die hier präsentiert werden.
Wichtig war mir: keine Beschäftigungstherapie, keine Dressur, sondern tatsächlich Kunst zu schaffen. Daher war mein Ziel lediglich lustbetontes Lernen der Technik durch Imitation. Keine Belohnung als Anreiz, sondern Malen um der Malerei willen.
Den Tieren stand je zur Auswahl:
Es zeigte sich, dass es in Herden immer nur einzelne Tiere gab, die sich für das Malen begeistern konnten, andere haben gerne beim Malen zugesehen, manche haben sich erst für die fertigen Bilder interessiert, wieder andere zeigten Furcht oder gar Gleichgültigkeit.
Alle malenden Tiere kommen zu einem Punkt, an dem sie das Gemälde für fertig erachten, sie sind dann weder an einem anderen Tag noch durch Belohnungsanreiz zum Weitermalen zu bewegen.

Bei den Kühen dauerte es eine Weile, bis sie die Technik der Malerei mit Pinsel verstanden hatten. Die ersten 43 Heupinsel wurden einfach komplett gefressen. Nur eine Kuh erlernte die Technik schließlich. Sie zeigte eine Vorliebe für Erdtöne, Schwarz und Weiss und viel Ausdauer.


Beim Pferd bestand die größte Gefahr zur Dressur, da Pferde sehr lernwillig sind. „California Blue“ ist eine schon etwas ältere Stute, die sich nicht mehr so gerne etwas sagen lässt. Ihre Vorliebe für die Farbe Grün zeigte sich schnell, sie interessierte sich für kaum eine andere Farbe. Nach einigen Wochen Malerfahrung begannen sich ihre Bilder zu ähneln, ohne, dass sie das Interesse am Weitermalen verlor. Wenn sie fertig war, kam sie zu mir und forderte eine neue Leinwand. California Blue lebt und arbeitet in Mainz.

Die von mir besuchte Alpaka-Herde ist in den Schweizer Bergen in der Nähe des Thuner Sees gezüchtet worden. Schnell fand sich eine kleine Gruppe, die sofort Interesse zeigte – nicht für meine Strohpinsel, wohl aber für Leinwand und Farbe. Nach einer Woche spuckte das erste Alpaka auf die Leinwand und wurde somit Initiator für eine ganze Spuckbildserie, an der sich insgesamt drei Alpakas beteiligten. Der Erfinder des Spuckbildes ist Nummer 895, ein in Züchteraugen weniger wertvolles Tier wegen seiner blauen Augen. Interessant hierbei ist, dass dieses Tier eine eindeutige Vorliebe für die Farbe Blau hat.


Dieses weiße Rentierweibchen ist äußerst begabt. Es bevorzugte einzelne Halme als Pinsel und Pastelltöne, insbesondere Altrosa, und machte damit ganz feine minimalistische Zeichnungen. Hervorzuheben ist das präzise Gefühl für den goldenen Schnitt.

Die Ziegen im Hamburger Zoo zeigten weder Interesse noch Geschick. Nach langen vier Wochen intensiver Überredungsversuche gab ich auf. Sechs Tage später bekam ich einen Anruf von einem Tierpfleger: Erst in meiner Abwesenheit hatte eine Ziege zu malen begonnen – auf Steinen in Lila. Da ich zum damaligen Zeitpunkt schwanger war und nicht schwerer tragen durfte als 5kg, habe ich die Steine in Hamburg gelassen und kann sie deshalb leider nicht präsentieren.

Zehn glückliche Hühner ohne Hahn in einem Stall mit viel Freilauf. Wie bringt man den Hühnern die Malerei bei? Füße in Farbe tunken und über eine Leinwand laufen lassen. Das ist schön – doch ist es Kunst? Zweifelsohne eine Frage, die sich auch bei menschlicher Malerei immer wieder stellt. Dann passierte aber etwas interessantes: Eines der Hühnchen wollte die Leinwand nicht mehr verlassen. Hat sich einfach flach hingesetzt und musste schließlich sogar von der Leinwand geschoben werden. Am nächsten Tag hat es sich von der Gruppe abgesondert und in den Stall zurückgezogen, was mir zunächst ein schlechtes Gewissen gemacht hat. Ich hatte dieses Hühnchen der Kunst ausgesetzt, und das war ihm scheinbar nicht bekommen. Dann aber zeigte sich, dass die große weiße Leinwand oder die Malerei bei ihr ein Brütebedürfnis ausgelöst hatte. Das Huhn hat begonnen zu glucken. „Creare“ (Latein) bedeutet sowohl erschaffen als auch gebären. Malen und glucken gehört bei Hühnern wohl zusammen.

Ich war die Ferienbetreuung für fünf Schnecken in einem Terrarium. Die Achatschnecke ist ein nicht unbeliebtes Haustier, ihr Haus kann bis zu 30cm groß werden und sie kann sogar 10 Jahre alt werden, ist dabei recht pflegeleicht. Eine der Schnecken hat sich die ersten 2 Tage, als ich auf sie aufgepasst habe, nicht von der Stelle bewegt, dann lag sie sogar besorgniserregend mit der Öffnung nach oben da. Aber als ich sie mit Wasser besprüht habe, hat sie schließlich ihre Fühler ausgestreckt. Ich habe sie „Nummer 5 lebt“ genannt und als damit als Malschnecke auserkoren. Sie hat dann direkt einen Haufen auf das erste Bild gemacht und damit genügend Exzentrik für eine Künstlerschnecke bewiesen.

Ich dachte, mit einem Hund zu malen wäre kein Problem. Für ein Leckerli tut er fast alles. Aber diese Fremdmotivation wollte ich ja gerade nicht, der Hund sollte sich für die Malerei interessieren, ohne dafür eine Belohnung zu bekommen. Spielen mit den Pinselbällen wollte diese Hündin namens Paula sehr gerne, aber sie mochte es nicht so, wenn sie dann in Farbe getunkt waren. Wir sind dann zum „Pouring“ übergegangen. Gefäße mit Farbe direkt auf der Leinwand umkippen hat ihr gefallen, auch, das Glas auf der Leinwand mit der Farbe dann zu verschieben. Allerdings vielleicht auch, weil ich sie dafür gelobt habe. Hunde sind einfach vom Naturell her keine Künstler. Sie sind zu gefällig. Aber andererseits: auch solche menschlichen Künstler sind auf dem Kunstmarkt zu finden.

Ausstellungsansichten, Ausstellungsraum von Irmhild Schwarz, in Kröte, Niedersachsen, 2025
Fotos: Nina Heinzel


Die Malerei der Tiere
Foto-, Bild- und Textarbeit
2019

Ich habe mich bei dieser Versuchsreihe auf domestizierte Tiere konzentriert, mit denen bisher noch nie gemalt wurde: Kühe, Pferde, Lamas, Rentiere und Ziegen. Ich habe jeweils mehrere Wochen mit den Tieren verbracht, bis wir zu den Ergebnissen gekommen sind, die hier präsentiert werden.
Wichtig war mir: keine Beschäftigungstherapie, keine Dressur, sondern tatsächlich Kunst zu schaffen. Daher war mein Ziel lediglich lustbetontes Lernen der Technik durch Imitation. Keine Belohnung als Anreiz, sondern Malen um der Malerei willen.
Den Tieren stand je zur Auswahl:
Es zeigte sich, dass es in Herden immer nur einzelne Tiere gab, die sich für das Malen begeistern konnten, andere haben gerne beim Malen zugesehen, manche haben sich erst für die fertigen Bilder interessiert, wieder andere zeigten Furcht oder gar Gleichgültigkeit.
Alle malenden Tiere kommen zu einem Punkt, an dem sie das Gemälde für fertig erachten, sie sind dann weder an einem anderen Tag noch durch Belohnungsanreiz zum Weitermalen zu bewegen.

Bei den Kühen dauerte es eine Weile, bis sie die Technik der Malerei mit Pinsel verstanden hatten. Die ersten 43 Heupinsel wurden einfach komplett gefressen. Nur eine Kuh erlernte die Technik schließlich. Sie zeigte eine Vorliebe für Erdtöne, Schwarz und Weiss und viel Ausdauer.


Beim Pferd bestand die größte Gefahr zur Dressur, da Pferde sehr lernwillig sind. „California Blue“ ist eine schon etwas ältere Stute, die sich nicht mehr so gerne etwas sagen lässt. Ihre Vorliebe für die Farbe Grün zeigte sich schnell, sie interessierte sich für kaum eine andere Farbe. Nach einigen Wochen Malerfahrung begannen sich ihre Bilder zu ähneln, ohne, dass sie das Interesse am Weitermalen verlor. Wenn sie fertig war, kam sie zu mir und forderte eine neue Leinwand. California Blue lebt und arbeitet in Mainz.

Die von mir besuchte Alpaka-Herde ist in den Schweizer Bergen in der Nähe des Thuner Sees gezüchtet worden. Schnell fand sich eine kleine Gruppe, die sofort Interesse zeigte – nicht für meine Strohpinsel, wohl aber für Leinwand und Farbe. Nach einer Woche spuckte das erste Alpaka auf die Leinwand und wurde somit Initiator für eine ganze Spuckbildserie, an der sich insgesamt drei Alpakas beteiligten. Der Erfinder des Spuckbildes ist Nummer 895, ein in Züchteraugen weniger wertvolles Tier wegen seiner blauen Augen. Interessant hierbei ist, dass dieses Tier eine eindeutige Vorliebe für die Farbe Blau hat.


Dieses weiße Rentierweibchen ist äußerst begabt. Es bevorzugte einzelne Halme als Pinsel und Pastelltöne, insbesondere Altrosa, und machte damit ganz feine minimalistische Zeichnungen. Hervorzuheben ist das präzise Gefühl für den goldenen Schnitt.

Die Ziegen im Hamburger Zoo zeigten weder Interesse noch Geschick. Nach langen vier Wochen intensiver Überredungsversuche gab ich auf. Sechs Tage später bekam ich einen Anruf von einem Tierpfleger: Erst in meiner Abwesenheit hatte eine Ziege zu malen begonnen – auf Steinen in Lila. Da ich zum damaligen Zeitpunkt schwanger war und nicht schwerer tragen durfte als 5kg, habe ich die Steine in Hamburg gelassen und kann sie deshalb leider nicht präsentieren.

Zehn glückliche Hühner ohne Hahn in einem Stall mit viel Freilauf. Wie bringt man den Hühnern die Malerei bei? Füße in Farbe tunken und über eine Leinwand laufen lassen. Das ist schön – doch ist es Kunst? Zweifelsohne eine Frage, die sich auch bei menschlicher Malerei immer wieder stellt. Dann passierte aber etwas interessantes: Eines der Hühnchen wollte die Leinwand nicht mehr verlassen. Hat sich einfach flach hingesetzt und musste schließlich sogar von der Leinwand geschoben werden. Am nächsten Tag hat es sich von der Gruppe abgesondert und in den Stall zurückgezogen, was mir zunächst ein schlechtes Gewissen gemacht hat. Ich hatte dieses Hühnchen der Kunst ausgesetzt, und das war ihm scheinbar nicht bekommen. Dann aber zeigte sich, dass die große weiße Leinwand oder die Malerei bei ihr ein Brütebedürfnis ausgelöst hatte. Das Huhn hat begonnen zu glucken. „Creare“ (Latein) bedeutet sowohl erschaffen als auch gebären. Malen und glucken gehört bei Hühnern wohl zusammen.

Ich war die Ferienbetreuung für fünf Schnecken in einem Terrarium. Die Achatschnecke ist ein nicht unbeliebtes Haustier, ihr Haus kann bis zu 30cm groß werden und sie kann sogar 10 Jahre alt werden, ist dabei recht pflegeleicht. Eine der Schnecken hat sich die ersten 2 Tage, als ich auf sie aufgepasst habe, nicht von der Stelle bewegt, dann lag sie sogar besorgniserregend mit der Öffnung nach oben da. Aber als ich sie mit Wasser besprüht habe, hat sie schließlich ihre Fühler ausgestreckt. Ich habe sie „Nummer 5 lebt“ genannt und als damit als Malschnecke auserkoren. Sie hat dann direkt einen Haufen auf das erste Bild gemacht und damit genügend Exzentrik für eine Künstlerschnecke bewiesen.

Ich dachte, mit einem Hund zu malen wäre kein Problem. Für ein Leckerli tut er fast alles. Aber diese Fremdmotivation wollte ich ja gerade nicht, der Hund sollte sich für die Malerei interessieren, ohne dafür eine Belohnung zu bekommen. Spielen mit den Pinselbällen wollte diese Hündin namens Paula sehr gerne, aber sie mochte es nicht so, wenn sie dann in Farbe getunkt waren. Wir sind dann zum „Pouring“ übergegangen. Gefäße mit Farbe direkt auf der Leinwand umkippen hat ihr gefallen, auch, das Glas auf der Leinwand mit der Farbe dann zu verschieben. Allerdings vielleicht auch, weil ich sie dafür gelobt habe. Hunde sind einfach vom Naturell her keine Künstler. Sie sind zu gefällig. Aber andererseits: auch solche menschlichen Künstler sind auf dem Kunstmarkt zu finden.

Ausstellungsansichten, Ausstellungsraum von Irmhild Schwarz, in Kröte, Niedersachsen, 2025
Fotos: Nina Heinzel

